



Beim ersten „Made in EU“-Roundtable im neuen Quorum Office in Wien diskutierten rund 50 Teilnehmer:innen – darunter etwa 25 Reseller – gemeinsam mit führenden europäischen Herstellern, was digitale Souveränität heute wirklich bedeutet: jenseits von Schlagworten, nah an der Realität.
Moderiert von Klaus Lorbeer (IT-Welt) entstand bewusst kein klassisches Panel, sondern ein offener Austausch auf Augenhöhe. Das Publikum war aktiv eingebunden – viele Perspektiven kamen direkt aus der Praxis und flossen in die Diskussion ein.
Im Mittelpunkt standen nicht Produkte, sondern konkrete Fragen aus dem Alltag:
Wo verlieren Unternehmen heute tatsächlich Kontrolle? Welche Abhängigkeiten werden spürbar? Und welche Rolle spielt „Made in EU“ in realen Entscheidungsprozessen?
Ein zentraler Gedanke zog sich wie ein roter Faden durch den Abend:
Digitale Souveränität bedeutet nicht, vollständige Unabhängigkeit zu erreichen – denn diese ist im globalen IT-Markt derzeit faktisch nicht möglich. Vielmehr geht es darum, bewusste Entscheidungen zu treffen und Abhängigkeiten gezielt dort zu reduzieren, wo sie kritisch werden.
Diese differenzierte Sichtweise prägte die gesamte Diskussion.
Deutlich wurde: Es geht nicht darum, internationale Anbieter pauschal zu ersetzen, sondern darum, Abhängigkeiten bewusst zu bewerten und strategisch zu gestalten.
Unternehmen bewegen sich heute in einem Spannungsfeld zwischen globaler Innovationskraft und regionalen Anforderungen – etwa in den Bereichen Datenschutz, Compliance und Resilienz. Digitale Souveränität entsteht in diesem Kontext nicht durch Abschottung, sondern durch die Fähigkeit, Optionen zu schaffen und Entscheidungen aktiv zu steuern.
Gerade im Austausch zwischen Herstellern und Resellern wurde klar, dass es dabei nicht um Ideologie geht, sondern um konkrete Anwendungsfälle:
In welchen Bereichen können europäische Lösungen heute bereits echte Alternativen oder Ergänzungen bieten? Und wo wird ihr Einsatz zunehmend zur strategischen Notwendigkeit – etwa in sensiblen Bereichen wie Datenmanagement, Backup oder langfristiger Archivierung?
Die Diskussion war entsprechend ehrlich – und stellenweise auch überraschend emotional, insbesondere aus Sicht der Hersteller. Denn hinter dem Begriff „digitale Souveränität“ stehen längst nicht nur technologische Fragestellungen, sondern auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenhänge.
Ein zentraler Aspekt des Abends war die Frage nach der europäischen Wertschöpfung:
Wie viel Know-how entsteht in Europa – und wie viel davon geht im globalen Kontext verloren? Europäische Lösungen sind technisch wettbewerbsfähig, stoßen international jedoch häufig auf strukturelle Herausforderungen. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein dafür, dass Softwareentwicklung in Europa nicht nur Kosten verursacht, sondern vor allem Innovation, Expertise und langfristige wirtschaftliche Stabilität schafft.
Diese Perspektive erweitert den Blick auf digitale Souveränität deutlich:
Sie ist nicht nur eine technologische, sondern auch eine wirtschaftliche Entscheidung – mit direkten Auswirkungen auf Arbeitsplätze, Steuerleistung und die Stabilität von Ökosystemen.
Einen strategischen Rahmen dafür lieferte die Keynote von Helmut Leopold (AIT – Austrian Institute of Technology). Er ordnete digitale Souveränität als zentrale Voraussetzung für Sicherheit, Innovation und Wettbewerbsfähigkeit in Europa ein. Initiativen wie Gaia-X zeigen, dass entsprechende Infrastrukturen längst konkret gedacht und aufgebaut werden.
Helmut Leopold, Head of Center for Digital Safety & Security am AIT
Gleichzeitig wurde deutlich:
Digitale Souveränität zeigt sich nicht in Grundsatzdiskussionen, sondern in konkreten Entscheidungssituationen – etwa dann, wenn Unternehmen erkennen, wie stark zentrale Infrastrukturen von nichteuropäischen Anbietern geprägt sind oder welche externen Zugriffsmöglichkeiten trotz europäischer Datenhaltung bestehen.
Die eingeladenen Hersteller – darunter Blacklense.io, Datadobi, FAST LTA, Keepit, ProLion und SEP – zeigten entlang der gesamten Wertschöpfungskette, wo europäische Lösungen heute bereits konkrete Beiträge leisten können: von Datenbeweglichkeit über langfristige Speicherung bis hin zu Backup, Recovery und Betriebssicherheit.
Dabei ging es bewusst nicht um ein „Europa vs. Rest der Welt“, sondern um eine realistische Einordnung: Wo macht europäische Herkunft einen Unterschied – und wo nicht?
Und wie verändert sich die Bewertung von Technologie, wenn geopolitische Rahmenbedingungen, regulatorische Anforderungen und Risikobetrachtungen stärker in den Fokus rücken?
Das Format „Made in EU“ setzt genau hier an:
einen Raum zu schaffen, in dem diese Fragen offen diskutiert werden können – ohne Verkaufsdruck, aber mit hoher Relevanz für den Alltag von IT-Entscheider:innen.
Das Fazit des Abends:
Digitale Souveränität ist kein Zukunftsszenario mehr.
Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob sich Unternehmen damit beschäftigen, sondern wie bewusst sie ihre Abhängigkeiten heute steuern und welche Rolle europäische Technologien dabei einnehmen.